By Christoph Hilber on 26. August 2015.

Visionen allein genügen nicht

PARALLELEN – Die ganze Welt hat das Griechenlanddrama mitverfolgt und mitgelitten. Die Wirtschaft innerhalb des Landes ist kollabiert, und ausserhalb hat es nicht mehr interessiert. Die Denkweise von Unternehmern wäre wertvoll gewesen. Visionen können Berge versetzen, aber nur in Kombination mit Erfahrung und Bezug zur Realität.

VR-Praxis 09/2015; TEXT CHRISTOPH HILBER
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Auch auf www.unternehmerzeitung.ch veröffentlicht.

Die alte, vermeintlich europahörige Regierung wurde in die Wüste geschickt. Neue Kräfte mit Visionen und Kampfgeist sorgten für grossen Wirbel und versprachen den leidenden Bürgern Linderung. Ihre Rezepte klangen im Wahlkampf wie Essen auf den leeren Teller. Und einmal gewählt, haben sich die Wortführer mit leeren Taschen, immensen Schulden und gezücktem Messer in die Verhandlungen mit der «fütternden» Hand begeben. Die Pokertaktik von kämpferischen Worten und einem wertlosen Blatt endete in einem Debakel.

WAS GING SCHIEF?
Die Rechnung wurde ohne den Wirt gemacht, die Visionen keinem Realitätscheck unterzogen – die Gegenpartei wurde schlicht unterschätzt. Die Lösung liegt in Griechenland selber, nicht bei den «Sponsoren». Steuereinnahmen kommen von der eigenen Wertschöpfung, nur braucht es ein funktionierendes System. Das neue Team hatte meines Erachtens schlicht keine Ahnung, wie ein Staat organisiert wird. Es war auch nicht in der Lage, mindestens für taktische Überlegungen Freunde aus der früheren Verhandlungsdelegation einzubinden, um politische und sachliche Grenzen der Verhandlungspartner zu kennen und unmögliche Forderungen zu unterlassen. Oder man vergass, ein interdisziplinäres Team aus Vertretern von Sozialpartnern, Politik und vor allem der Wirtschaft aufzubauen, um Spielräume zu verifizieren und authentischer zu argumentieren.

DER VR ALS VORBILD
Auch wenn das Griechenlanddrama ein politisches Drama ist, gibt es Parallelen zur Wirtschaft und zum Verwaltungsrat. Letzterer ist für die Visionen zuständig, eröffnet neue Aktionsfelder, beobachtet Gefahren. Er hat aber auch die Aufgabe, die betriebswirtschaftliche Machbarkeit zu prüfen.
Dazu braucht es:
WISSEN Wissen über und Verständnis für betriebswirtschaftliche Zusammenhänge sind ein Muss.
ERFAHRUNG So wie ein Staat in einem politischen Makrogefüge eingebunden ist, sind Erfahrungen wichtig, wie ein Unternehmen, ein Angebot, Verkauf, eine Administration etc. zu organisieren sind. Erfahrung tut gut, um neue Märkte zu erobern, Kundenverhalten zu (er-)kennen, Entwicklungs- und Produktionskosten berechnen zu können, vielleicht sogar um einen Plan B für schlechtere Zeiten vorzubereiten.
MEINUNGSVIELFALTDie interdisziplinäre Zusammensetzung eines VRs stellt eine Multiplikation von Erfahrung dar. Allerdings nur, wenn die Diversifikation nicht vergangenheitsorientiert, sondern auf die Vorwärtsstrategie ausgerichtet ist. Ein VRP, ja selbst ein Patron dürfte ruhiger schlafen, wenn sein Unternehmen auf der Basis von breit abgestütztem Know-how funktioniert und agiert.
FEHLERTOLERANZ Fehler dürfen gemacht werden, sie machen schliesslich einen wichtigen Teil der Erfahrung aus. Aber nicht leichtsinnig, das heisst: nicht über alle Entscheidungskriterien hinweg. Visionen bergen grosses Fehlerpotential und leiden gar nicht, wenn sie einen Realitätscheck mit möglichst vielen Dimensionen überstehen müssen. Man wird nur in ganz kritischen Fällen alles auf eine einzige Karte setzen. Und auf die «Toleranz» d.h. Finanzierbarkeit eines potentiellen Fehlers achten.
VISIONEN Visionen gehören zum Rezept von Unternehmen. Diese bilden die treibende Kraft für Innovationen und Weiterentwicklungen. Aber ihr Karma resp. das Ausmass ihrer unweigerlichen Konsequenz auf die Zukunft darf nicht mit einem Pokerface überspielt werden.

GRUNDLEGENDER STRUKTURWANDEL
Die Griechen waren überzeugt, dass ihre visionären Anführer wissen, was sie tun. Das erste Pokerspiel wurde mit einem kläglichen Blatt verloren. Zu hoffen ist, dass der neue griechische Salat nicht wieder verdirbt. Und zwar wegen einer fehlenden Einsicht der Bürger für einen Strukturwandel und einer Unfähigkeit der Regierung, Basis-Wissen über volkswirtschaftliche und politische Grundpfeiler in die Realität umzusetzen. Ein Staat muss organisiert sein und könnte viele Prozesse und Prinzipien von Unternehmen kopieren. Alle wünschen ihnen Erfolg (und nicht Drachmen).

AUTOR
Christoph Hilber ist Betriebswirtschafter und seit sieben Jahren Headhunter mit eigener Firma: P-Connect Executive Search & Recruiting hat den Fokus auf Industrie (MEM), IT/Telekom und Positionen VR, GL und Spezialisten. Vorgängig war er in leitenden Linienfunktionen bei NCR/AT&T, diAx und Siemens.

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