By Christoph Hilber on 23. Februar 2015.

Regulierung – mit Verstand

Bei Verwaltungsräten und CEOs kotierter Firmen kommt unisono der Wunsch nach weniger Regulierung.

VR-Praxis 03/2015; TEXT CHRISTOPH HILBER
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Auch auf www.unternehmerzeitung.ch veröffentlicht.

Die Geister der Corporate Governance, die zur Lösung von Problemen gerufen wurden, werden zur Qual. Man wird sie nicht mehr los. Viele weisse Schafe leiden für einzelne schwarze Schafe. Regulierungen gibt es viele, ob in der Corporate Governance für die generelle Unternehmensführung und Informationspflicht, für die Festlegung der Managerlöhne, für den Umgang mit Kunden, die im Moment bei den Banken per definitionem als Steuerbetrüger gelten, oder in der Produktedeklaration – Swissness lässt grüssen und Vieles mehr. Leider muss man akzeptieren, dass der Urknall jeder Regulierung und jedes Gesetzes ein wesentlicher Missbrauch ist. Der Handlungsspielraum wurde zwar meist «nur im gesetzlichen Rahmen» ausgeschöpft, während man Moral und Ethik durch das Gesetz definieren liess, statt durch gutbürgerlichen Menschenverstand – neuenglisch CSR Corporate Social Responsibility. Die Augen wurden vor offensichtlichem Steuerbetrug gesenkt. Findige Manager fanden Wege, sich gigantische Saläre auszahlen zu lassen. Aktionäre und Interessengruppen, wie z.B. die Arbeitnehmerschaft, standen mit stumpfen Messern vor gepanzerten Chefetagen, die gerademal machten, was ihnen passte. Kurz: Das Vertrauen legitimer Stakeholder wurde im Rahmen geltender Gesetze bis zu deren Aufstand missbraucht.

KONSEQUENZEN
Das Image der Führungselite, von der unsere Gesellschaft und unser Wohlstand abhängen, wird in corpore verunglimpft. Dabei sind es nur wenige Promille von Vertretern dieser Elite, welche für Missbrauch verantwortlich zeichnen. Bestraft werden aber alle. Die Folgen sind, dass Management-Kapazität für die Befriedigung der regulativen Vorgaben absorbiert wird. Statt im Markt, bei den Kunden, den Mitarbeitenden, bei der positiven Kreativität – kurz im Geschäft – zu wirken, werden generische Informationen generiert, welche die Herausforderungen eines Geschäfts nicht wirklich reflektieren. Und die schwarzen Schafe suchen derweil die nächsten Löcher im Gesetz und provozieren weitere Regulationen. In Show-Prozessen bietet man dem Unheil eine Bühne und vergisst dabei, das Gros der Wirtschaft für ihre Anstrengungen zu würdigen.

OPTIONEN?
Die Geister der aktuellen Regulierungen wird man wohl kaum mehr los, ausser man tritt einen politischen Gegen-Vorstoss an. Wer hat dafür Kapazität und Kraft? Die Wirtschaftsverbände?

DEKOTIEREN Nicht wenige VRPs und CEO wünschten sich eine Dekotierung. Doch wenn die Aktien einmal an der Börse sind und die Firma blüht, dann ist es eine teure Angelegenheit, alle Aktien zurückzukaufen. Wenn die Firma nicht blüht, will man wohl die Aktien selber auch nicht kaufen.

KOMMUNIKATION UND VERTRAUEN SCHAFFEN Aufwändig ist die Kommunikation mit Grossaktionären zwar, aber sie hat wenigstens den Effekt, dass im Normalfall grosses Vertrauen und Verständnis für die wirklichen Probleme des Unternehmens geschaffen werden. Nämlich genau das Vertrauen, welches einmal fehlte und die Regulierung auslöste.

TROST Es sind nur ganz wenige schwarze Schafe. Über 99 Prozent sind weiss und brauchen sich nicht betroffen zu fühlen. Die Papiertiger der Regulierungen müssen sie leider trotzdem füttern. Und teilweise machen Vorgaben z.B. zur Informationspflicht auch wirklich Sinn und schaffen Sicherheit und Berechenbarkeit für Management und Stakeholders.

GESUNDER MENSCHENVERSTAND Pragmatisch tun, was gefordert ist. Danach mit Kreativität und Energie auf allen Ebenen wieder auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren – und nicht auf die Optimierung der eigenen Tasche. Die Unternehmerkultur sollte wieder hin zur Philosophie des «alten Patron» entwickeln – dort wo sie nicht mehr Basis von Denken und Handeln ist. Gesunder Menschenverstand sollte auch bei den Regulierern einkehren: «Schwarze Schafe» lassen sich durch Regulierung nicht ausrotten, und nicht jeder Exzess ist eines neuen Gesetzes würdig, sondern vielleicht vielmehr publizistischer Verachtung und strafrechtlicher Verfolgung.

ABSURDITÄT Die Regulierer regulieren sich auch immer fleissiger. So wollen die GPKs von National- und Ständerat ein Gesetz erwirken, wonach der Bundesrat seine Sitzungen «angemessen» protokollieren soll. Dafür soll ein Protokollierungs-Team geschaffen werden. Ein Zeichen – aber leider in die falsche Richtung.

AUTOR
Christoph Hilber ist Betriebswirtschafter und seit sieben Jahren Headhunter mit eigenen Firma: P-Connect Executive Search & Recruiting hat den Fokus auf Industrie (MEM), IT/Telekom und Positionen VR, GL und Spezialisten.

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