By Christoph Hilber on 21. Januar 2016.

Stupid Guys und Pechvögel

NACHHALTIGKEIT – Wird die Welt jeden Tag etwas besser oder nähert sie sich immer schneller ihrem Ende? Mit Weltkonferenzen wie die COP21 Paris, dem SGES Swiss Green Economy Symposium oder der Initiative SSF Swiss Sustainable Finance scheinen wir uns eher auf dem Weg der Hoffnung zu befinden. Wer sich aber lauthals mit Nachhaltigkeit schmückt, muss nicht immer nachhaltig sein.

VR-Praxis 01/2016; TEXT CHRISTOPH HILBER
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Auch auf www.unternehmerzeitung.ch veröffentlicht.

Nachhaltigkeit ist begrifflich vieldimensional und wird häufig überstrapaziert. Der Versuch einer Kurzdefinition: Unser Umgang mit uns und unserer Welt, sodass unsere Nachfolger auch noch etwas davon haben und – ergänzt für die Geschäftswelt – nicht nur das nächste Quartalsergebnis unsere Aktien in die Höhe treibt. VW erlebt aktuell einen existentiellen Super-GAU, weil sie auf eine deutliche Verschärfung der Grenzwerte im amerikanischen Markt mit Betrug statt technischer Innovation reagiert hat. Die Finanzwelt hat den Rest der Welt durch ihre Vergabe von SubprimeKrediten in eine Krise gestürzt und durch die grosszügige Interpretation des Bankgeheimnisses den Zorn der Staatengemeinschaft auf sich gezogen. Die Versicherungen überlegen sich, Risiken wegen ihrer unberechenbaren Dimensionen möglicherweise gar nicht mehr zu versichern. Der kleine Konsument achtet auf die Bio-Labels und hofft, dabei und damit nicht reinzufallen, oder ignoriert sie ganz und handelt nach dem Motto: «Geiz ist geil».

OPTIONEN
Gemäss einer nicht repräsentativen Umfrage von P-Connect bei Verwaltungsräten befassen sich 86 Prozent der Befragten mit ökologischer Nachhaltigkeit als Chance, 50 Prozent (auch) im Rahmen von Risikobetrachtungen und 10 Prozent sind oder fühlen sich nicht davon betroffen. Es gibt verschiedene Ansätze, das Thema Nachhaltigkeit anzugehen. Hier ein paar Optionen:
NICE GUYS / LEADERS: Sie haben die Grösse – Marktmacht und Souveränität –, um Chancen durchzusetzen, auch wenn diese kurzfristig den Gewinn schmälern.
SMART GUYS / FAST FOLLOWERS: Sie sind klein, agil und finden die Nische, um wie Leaders zu handeln. Oder sie sind souverän, aber haben einfach die Marktmacht und Marge nicht, um das Verhalten ihrer Zielgruppe zu beeinflussen. Aber sie lernen schnell.
STRETCH-2-THE-LIMIT GUYS / IGNORANTS: Sie warten auf staatliche Regulierungen, was die Unternehmer eigentlich vermeiden wollen, und profitieren möglichst lange von der Nische, eben nicht nachhaltig zu sein. Das können auch Staaten sein.
STUPID GUYS UND PECHVÖGEL: Sie sind zwar Leaders und lassen dies die Welt auch wissen. Nur werden sie z. B. von überkreativen Softwareentwicklern ausgetrickst. Wenn sie dies wirklich nicht gewusst haben, sind sie Pechvögel. Ansonsten würde ich sie zu den «stupid guys» zählen.

FAZIT
Die Grenzen zwischen den betrachteten Optionen sind fliessend und können sich je nach Situation, Produkt, Region etc. verschieben. Wer nur auf staatliche Regulierungen wartet, bis er handelt, wird in Zukunft hoffentlich immer öfter mit «shit storms» kämpfen müssen. Und nicht jeder ist ein Ignorant, der nicht als Leader agieren kann. Umgekehrt gilt aber auch: Nicht überall, wo Nachhaltigkeit drauf steht, ist auch Nachhaltigkeit drin.

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