By Christoph Hilber on 22. August 2016.

Brexit – think positive!

GEGENDARSTELLUNG – Die Brexit-Abstimmung hat Schwarzmalern Aufwind gegeben. Während Tagen, wenn nicht Wochen dominierten Negativschlagzeilen die renommiertesten Medien. Zeitweise hatte man den Eindruck, die Wirtschaft, ja die ganze Weltordnung stünde Kopf. Eine rationale Betrachtung der Sachlage geht anders. Die Welt dreht sich weiter – und mit ihr Grossbritannien.

VR-Praxis 09/2016; TEXT CHRISTOPH HILBER
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Auch auf www.unternehmerzeitung.ch veröffentlicht.

Zugegeben, der Brexit stört die Tagesordnung. Aber die einseitig negative Darstellung hat mich doch sehr befremdet. Grund genug für ein Gegengewicht: Positive Denkanstösse und die Einordnung der Brexit-Auswirkungen auf Politik und Wirtschaft in einen breiteren Kontext.

POLITIK – EIN ÜBERFÄLLIGER WECKRUF
Der Brexit war vor allem ein politisches Spektakel, allerdings ein auf Europa beschränktes. Auch wenn sich Politiker von ausserhalb für den «Bremain» instrumentalisieren liessen, bleibt es eine europäische Angelegenheit. Die Ohrfeige an die europäischen Zentralisten brennt hoffentlich so stark nach, dass sie sich wieder an den Sinn und Zweck der EU erinnern. Diese darf nicht nur komplizierter, volksfremder und teurer werden. Nein, sie soll den Menschen sicht- und spürbare Vorteile bringen.
Im Vergleich zur Wirtschaft wurde die EU mit einer Art Aktionärsbindungsvertrag (ABV) abgeschlossen, welcher ohne die kritischen und entscheidenden Punkte formuliert wurde. Der heikelste und wichtigste Punkt eines ABV ist die Exit-Klausel. Diese wurde nicht ehrlich zu Ende gedacht – siehe Griechenland, siehe Brexit. Zudem ist (war) Grossbritannien ja nicht einmal Vollmitglied. So what? Vielleicht wachen die Politiker nun auf und holen Versäumtes nach. Die EU als Friedensunion nur wegen des Brexit abzuschreiben, ist nicht gerechtfertigt.

WIRTSCHAFT – ZURÜCK ZUM NORMALBETRIEB
Die Wirtschaft wird den Brexit verdauen, wie sie jede Änderung der politischen Rahmenbedingungen verdaut. Die Börsen taugen nur als langfristiger Indikator: Ein Monat nach dem Brexit stehen die Indizes wieder über dem Stand davor. Die Marktleistung von Grossbritannien kann ohne grösseren Aufwand von anderen Wirtschaftsräumen kompensiert werden. Der Aktiencrash stipulierte, dass der Brexit circa fünf Billionen Dollar Börsenkapitalisierung wert sei – eine emotionale Überreaktion der Pessimisten und Spekulanten. Damit ein Handel an der Börse überhaupt zustande kommt, braucht es auf der Gegenseite zum Glück immer auch einen Optimisten. Die Angst, GB als Einfallstor nach Europa zu verlieren, hat wohl lediglich mit der Hoffnung zu tun, dass Englisch für die Bearbeitung des EU-Marktes genügen würde. Eine Annahme, die schon gestern nicht stimmte. Und morgen erst recht nicht. Firmen haben seit jeher ihre Aktivitätszentren so über die Welt verteilt, wie es betriebswirtschaftlich am meisten Sinn ergibt. Es gibt in Europa mehr als genug alternative Standorte. Die Spezialisten folgen ohnehin der Spur des Geldes. Die Verlegung von Hauptsitzen und Niederlassungen zwecks (Steuer-)Optimierung ist nichts Neues. Warum nicht wegen eines echten Faktors umziehen? GB ist seit langem auf dem Weg zur Dienstleisterin, weg von der industriellen Wertschöpfung. Und Dienstleistungszentren lassen sich einfach verschieben. Theresa May möchte die GB-Industrie wiederbeleben, was wohl nichts mit dem Brexit zu tun hat. Es gibt auch erfolgreiche Länder ausserhalb der EU. Und GB wird alles daran setzen, mit den interessanten Partnern in- und ausserhalb der EU schnell Wege zu finden, um den Handel zu beleben. Es wird bestimmt auch Firmen geben, welche kurzfristig am Einbruch des Handels mit GB und dessen Währung leiden. Handel wird es aber weiterhin geben, die Agileren werden kurzfristig Vorteile haben.

FAZIT – POSITIVE DENKER SIND GEFRAGT

Die Briten sind im Moment nicht zu beneiden, sitzen sie doch am kürzeren Hebel und können zu Konzessionen gezwungen werden. Auch wir Schweizer waren nicht zu beneiden, als die Masseneinwanderungsinitiative unerwartet angenommen wurde. Es werden über Jahre tausende Jobs generiert, um die GB-Bilateralen zu entwickeln. Die EU wird dem bisher sehr grossen Beitragszahler GB den Marktzugang nicht einfach verschenken. GB wird wie die CH auch als Nicht-Mitglied zahlen müssen, ohne aber über die Ausgaben mitbestimmen zu dürfen.
Die Zukunft wird ohnehin reichlich Herausforderungen bereithalten – mit oder ohne Brexit. Aber wegen des Brexit die Welt abzuschreiben, ist meines Erachtens zu einfach gedacht. Hängen wir den Negativismus an den Nagel und orientieren wir uns nach vorne. Kreative und positive Denker sind gefragt!

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