«Externer VR immer ein Muss»

«Ein externer Verwaltungsrat für die kritische Begleitung war immer ein Muss» – diese Aussage machte ein Unternehmer an einer Veranstaltung über Nachfolgethemen. Er hatte das Familienunternehmen vor Kurzem der dritten Familiengeneration übergeben. Er selber bleibt VRP, neben den drei Kindern erweitern zwei externe Spezialisten den Gesamtverwaltungsrat.

Artikel erschienen in der Unternehmerzeitung Heft 1-2/2018 – Download Artikel als PDF

Wovor viele Familienunternehmen zurückschrecken, ist in diesem KMU völlig selbstverständlich.

Warum ein ‘Muss’?

Gründe für externe VRs gibt es viele, nicht überall ist es sinnvoll. Während bei nicht-inhabergeführten Firmen externe VRs die Regel sind, gilt dies bei Inhabergeführten und Familienunternehmen oft nicht. Einige Gründe für externe VRs:

Best Practice: Best Practice bedeutet, sich mit den Besten seiner Gilde zu messen. Seien dies Angebot, Technologie, Prozesse, Management-Prinzipien etc. Externe VRs bringen die nötige Aussensicht, hoffentlich aus kritischer Sicht und mit ehrlichem Feedback. Z.B.: Sind die USPs (Unique Selling Points) wirklich USPs? Ist die Organisation wachstumsorientiert oder personenbezogen? Externen VRs gegenüber muss man strategische Entscheide begründen können. Genau diese Begründungen helfen, die Logikkette von interner Blindheit zu befreien und mit Aussensicht zu verfizieren.

Strategie: Strategie bedeutet Weitsicht, riskante Entscheidungen, langfristige und happige Investitionen. Marktanalysen, Risikoabschätzungen und Investitionsrechnungen kann man von einem externen Berater einkaufen. Die Entscheidung fällt und das Risiko trägt aber die Firmenleitung, also der Verwaltungsrat, der langfristig dem Unternehmen verpflichtet ist. Und externe VRs sind Inhaber-gleich persönlich engagiert und entscheiden, wie wenn es ihr eigenes Unternehmen wäre.

Sparring Partner: Ein externer VR begleitet ein Unternehmen kritisch – «kritische Begleitung» im Sinne von Hinterfragen von Organisation, Marktauftritt, Führungsinstrumenten. Auch Sorgen und Ängste aufbringen können, wozu in vielen Fällen das Thema Nachfolgeregelung gehören dürfte. Ob CEO oder Patron – in dieser Position fühlt man sich oft einsam. Ein externer VR ist ein guter Gesprächspartner.

Aufwand
Ein externer Verwaltungsrat verlangt nach einer minimalen Form von Corporate Governance, d.h. verlässlichen, strukturierten Kennzahlen, einer dokumentierten Vision und Strategie sowie einem Organisationsreglement, welches auch gelebt wird. Also ein professionelleres Niveau, als man dies für sicher selber machen würde. Das ist keine Hexerei, bedeutet allerdings einen Initialaufwand. Die externen VRs tragen Risiko, womit diese Anspruch auf ‘die volle, interne Wahrheit’ haben. Einmal aufgebaut, können die Führungsinstrumente einfach periodisch aktualisiert werden.

Voraussetzungen
Nicht jede Firma bzw. Aktiengesellschaft braucht mehrere bzw. externe Verwaltungsräte. Ob dies der Fall ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Selbsterkenntnis: Der Patron muss die Erkenntnis haben, dass er sein Geschäft, seinen Markt, seine Technologie zwar beherrscht, aber es immer Potentiale und Gefahren gibt, welche er nicht erkennt oder erkennen will. Entweder aus Betriebsblindheit oder einfach ungenauer Positionierung seines Lebenswerks im Gesamtmarkt.

Relevanz: Unternehmen mit relevanter Marktgrösse brauchen einen professionellen VR, d.h. sie haben zu viele Kunden, Mitarbeitende, Lieferanten, zu nachhaltige Verpflichtungen, zu viel investiertes Kapital und Herzblut. Oder umgekehrt: Wer mit 65 in seiner Firma das Licht und den Handelsregistereintrag löschen kann, ohne bemerkt zu werden, braucht keinen VR.

«WER MIT 65 IN SEINER FIRMA DAS LICHT UND DEN HANDELSREGISGTEREINGTRAG LÖSCHEN KANN, OHNE BEMERKT ZU WERDEN, BRAUCHT KEINEN VR.»

Strategische Unternehmensentwicklung: Z.B. bei einer Wachstumsstrategie durch Expansion oder Diversifikation in neue Märkte kumulieren sich Risiken, welche normalerweise mit internem Knowhow nicht umfassend genug beurteilt werden können. Ein breit aufgestellter VR, ausgerichtet auf die Strategiefelder, hilft, diese Risiken zu reduzieren.

Alternativen
Strategiepapiere und Marktabklärungen kann man durch externe Berater erstellen lassen. Es ist aber ein Unterschied, ob man strategische Entscheidungen einsam an der Spitze fällt oder mit persönlich engagierten, langfristig involvierten Verwaltungsratsmitgliedern fällt, welche im gleichen Boot sitzen.

Ein Verwaltungsrat sollte langfristig aufgesetzt sein. Dies braucht Zeit, auch das gegenseitige Vertrauen verstärkt sich über die Jahre. Idealerweise tut man dies in guten Zeiten, denn in schwierigen ist es zu spät.

 


Christoph Hilber als Managing Partner von P-Connect fokussiert im Executive Search auch auf die Stufe Verwaltungsrat / Verwaltungsrätin. In diesem Zusammenhang schreibt er regelmässig Artikel in verschiedenen Medien wie z.B. in der Unternehmerzeitung, Teil VR-Praxis / Verwaltungsrat persönlich.