Wiederwahl ist Auszeichnung

VR-PRAXIS-Persönlich im Gespräch mit Franziska Tschudi Sauber, VR-Delegierte und CEO der WICOR Gruppe. Mit uns spricht sie über Erfolg, Unterschiede zwischen Männern und Frauen und den Eurokurs.

Gespräch mit ANNINA HALLER, CHRISTOPH HILBER

Download des Interviews als PDF.
Auch auf www.moneycab.com und www.unternehmerzeitung.ch veröffentlicht.

Sie gehören gemäss HandelsZeitung zu den 100 wichtigsten Frauen in der Schweizer Wirtschaft. Ist das ein gutes Gefühl?
Das ist sicher schön, aber solche Nominierungen berühren mich eigentlich wenig. Diese hängen oft vom Beziehungsnetz ab. Ist man in solchen Listen einmal drin, bleibt man im allgemeinen drin, solange man die Funktion beibehält. Zudem wird und bleibt man natürlich sichtbarer, wenn man öfters für Diskussionen und Anlässe angefragt wird.

Sie werden als Frau in einer männerdominierten Branche sicherlich auch stärker wahrgenommen…
Natürlich. Ich bin mir bewusst, dass ich auf gewissen Listen figuriere, weil es noch eine Frau braucht. Wichtiger sind für mich deshalb Mandate, bei welchen ich einen effektiven Beitrag leisten kann. In einen Verwaltungsrat vorgeschlagen zu werden, ist für eine Frau in einer CEO-Funktion nicht so schwierig. Entscheidend ist vielmehr, ob man nach einer Anfangszeit noch immer angehört und auch für weitere Amtszeiten wieder gewählt wird – das ist für mich die Auszeichnung.

Dann ist die zweite Amtszeit eigentlich wichtiger als die erste?
Ja genau! Wenn man mich wieder wählt, weil meine Beiträge als nachhaltig befunden wurden, dann habe ich bestanden.

Ist diese Denkweise eine Gender-Frage?
Schwierig zu beantworten. Vielleicht ist das einfach meine Denkweise. Für mich wäre es sehr unangenehm, wenn man mich in einem Gremium behielte, nur weil ich selbst nicht realisiere, dass es Zeit wäre, zu gehen. Ich möchte mich nicht aufdrängen und finde, dass man Mandate nach einer gewissen Zeit anderen zur Verfügung stellen sollte. Es ist meines Erachtens auch nötig und angebracht, sich immer wieder einmal zu hinterfragen. Und ja, vielleicht hinterfragen sich Frauen eher als Männer…?

Franziska Tschudi Sauber

«EINE FÜHRUNGSPOSITION ERREICHT MAN NICHT MIT EINEM ‹NINE-TO-FIVE›- EINSATZ.»

Nun sind Sie ja überall noch dabei. Wie wird es aber sein, wenn Sie einmal nicht mehr an der Spitze stehen?
Das wird so oder so irgendwann kommen. Damit muss man sich auseinandersetzen können. Es wird zu Beginn vielleicht wehtun. Dass ein Amt oder ein Mandat einmal aufgegeben werden muss, und man vielleicht bald in Vergessenheit gerät, ist einfach der natürliche Lauf der Dinge. Es wird dafür neue Optionen und Themen geben, die einen faszinieren und auf die man sich neu konzentrieren kann. Das macht das Leben so spannend. Ich bin mir bewusst, warum ich jetzt viel Aufmerksamkeit und viele Einladungen erhalte. Ich geniesse sie jetzt – aber irgendwann wird das aufhören und damit werde ich klarkommen. Für mich sind ja auch noch andere Dinge wichtig.

Was gibt Ihnen denn Halt?
Ich bin sehr stark meiner Familie verbunden. Es bedeutet mir viel, dass meine Familie mich schätzt und braucht. Das ist mir wichtiger als alles andere. Mit meiner Familie und meinen Freunden werde ich alt. Ihnen ist es ganz egal, ob ich zu den wichtigsten 100 Frauen in der Schweizer Wirtschaft gehöre oder nicht. Das ist kein Thema.

Sie trennen also Geschäftliches und Privates stark. Geht das überhaupt, wenn man ins Unternehmen quasi hineinwächst?
Ich bin nicht ins Unternehmen hineingewachsen, sondern wurde ursprünglich Anwältin. Es bestand nicht von Anfang an die Idee, dass ich bei WICOR Platz finden sollte. Es war eher ein Zufall, dass ich mit 35 in unser Familienunternehmen eingestiegen bin. Bei mir war ein beruflicher Wechsel angesagt, als gerade eine sehr interessante Stelle frei wurde. Und so startete ich hier in der Unternehmensentwicklung.

Wie ist es, Geschäftsführerin eines Unternehmens zu sein, in dem man Teileigentümerin ist?
Ich wollte schon immer etwas tun, wo ich selbst Entscheidungen treffen und etwas aufbauen kann. Und ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als in einem Unternehmen zu wirken, welches einem zum Teil selbst gehört. Natürlich trägt man dann auch das Risiko eines Scheiterns, das ist die Kehrseite. Und Entscheide treffen einen praktisch doppelt, als Entscheider und Teilhaber. Man entwickelt dadurch ein ganz besonderes Verantwortungsbewusstsein. Natürlich sind aber auch die Sorgen grösser.

Geht die Rechnung zwischen den positiven und negativen Seiten aber auf?
Ja, ganz klar, für mich geht sie auf. Es entsteht langfristig ein Gleichgewicht. Sorgen sind zwar in einem Moment da, werden aber im Anschluss zu Herausforderungen. Ich habe das Glück, dass ich mit einem unerschütterlichen Optimismus ausgestattet bin und immer das Positive sehe. Darum schätze ich auch jede Herausforderung. Dann kommt die Eurokrise ja wie gerufen! Nein, die hätte jetzt nicht unbedingt sein müssen. (lacht)

Welche Rolle haben Sie im VR, beispielsweise bei der Swiss Life?
Ich werde dort als Vertreterin eines wichtigen Kundensegments gesehen. Ich bringe sicher auch gewisse HR-Kompetenzen und Führungserfahrung ein. Zudem kenne ich die wichtigsten Märkte und vertrete auch eine andere Unternehmens-/Branchenkultur.

Haben Sie eine Message an Frauen?
Eine Führungsposition erreicht man nicht mit einem «nine-to-five»-Einsatz. Ich meine das nicht nur zeitlich. Es braucht vor allem Flexibilität, beispielsweise für einen Einsatz im Ausland oder für ein zeitintensives Projekt. Das heisst oft auch Verzicht, das vergisst man gerne. Frauenförderung finde ich zwar sehr wichtig. Aber sie öffnet nur Türen. Die Leistung und Leistungsbereitschaft steht immer an erster Stelle.

Wenn Leistung und Qualifikation vorhanden sind, sollten diese Frauen aber gefördert werden?
Genau. Das heisst nicht, dass man Frauen direkt in den VR oder ins Top-Management wählt. Sinnvoller ist, wenn Frauen ins Mittelmanagement hineinwachsen, Erfahrung und Ansehen gewinnen und von dort aus das Sprungbrett ins Top-Management nutzen können. Frauenförderung heisst für mich nicht nur, dass man Frauen mindestens die gleichen Chancen gibt wie den Männern, sondern dass man sie auf ihrem Karriereweg auch ermutigt, einen Sprung zu machen. Und dazu gehört auch, schon jungen Mädchen bei der Berufswahl verschiedene Wege aufzuzeigen.

Haben Sie persönliche Vorbilder?
Nein, das kann ich so nicht sagen. Ich kenne viele Leute, die mir in verschiedenen Bereichen des Lebens durch ihre Art etwas lehren. Es ist eher der persönliche Austausch mit meinem Umfeld, der mich prägt. Ich bin aber auch dankbar für die gute Erziehung, die ich hatte.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie verändern?
Ich will meine 1.20 Euro zurück! Wenn möglich auch 1.21! (lacht) Nein, ernsthaft, ich wünsche mir in der heutigen Zeit ein grösseres Verständnis für die Exportindustrie, den Tourismus etc., damit wir uns der neuen Situation anpassen können. Ich möchte auch an die Politik appellieren, alles zu eliminieren, was uns Unternehmern Steine in den Weg legt. Wir brauchen nicht noch mehr ressourcenverschlingende Regulierungen. Wir brauchen so viele Freiheiten wie möglich, um mit der schwierigen Situation umzugehen.

ZUR PERSON
Franziska Tschudi Sauber ist 1995 in die WICOR Gruppe als Leiterin Unternehmensentwicklung eingetreten, danach übernahm sie die Führungsverantwortung für ETBA Asia/Pacific. Zuvor war sie als Rechtsanwältin bei Lenz & Stähelin sowie als Generalsekretärin bei der Schweizerischen Industrie-Gesellschaft Holding AG tätig. Seit 2001 ist sie VR-Delegierte und CEO der WICOR Holding AG. Zudem ist sie Verwaltungsrätin bei Swiss Life und Biomed und Vorstandsmitglied bei Economiesuisse und Swissmem.

Wirtschaft vs. Politik – 1 : 1

SPIELANALYSE – Endlich wagte sich wieder einmal ein Wirtschaftskapitän in die Presse. Sergio Ermotti als CEO der grössten und systemrelevantesten Schweizer Bank wandte sich im Anschluss an die Aufhebung der Euroanbindung des Frankens mit einem Fünf-Punkte-Programm an die Öffentlichkeit. Und er erntete viel Häme.

VR-Praxis 04/2015; TEXT CHRISTOPH HILBER
Download Artikel als PDF

Ein Erguss von Kritik über den dreisten Mut, wirtschaftspolitische Thesen und Wünsche aufzustellen, prasselte über Ermotti nieder. Absender der Kritik war primär die Politik. Statt über die Wünsche zu reflektieren, raspelten die Präsidenten vor allem der linken Parteilandschaft ihre Standardparteiprogramme nieder.

POSITIVE EINSICHT
Die Unterstützung der Wirtschaft für die «Fünf-Pfeiler-Strategie» hätte eigentlich zu einem grossen Beifall führen müssen:

MASSENEINWANDERUNG Ausser den Initianten, einer kantonalen Jugendpartei und einem Verband waren alle Vertreter von Politik und Wirtschaft gegen die Initiative. Ich bin überzeugt, dass im Nachhinein die Initianten selber wünschten, die Abstimmung knapp verloren, statt knapp gewonnen zu haben. Eigentlich ist heute niemand mehr gegen Einwanderung.

REGULIERUNG Grösstes Anliegen im Gespräch mit Unternehmern ist die Eindämmung der Regulierungswut. Wir nähern uns dem Regulierungs-Perpetuum mobile, sprich: Die Politik schafft so viele neue Regulierungen, bis die Unternehmer damit nachhaltig voll ausgelastet sind. Warum wehrt man sich nicht mehr?

ERBSCHAFTSTEUER Zugegeben, sich als Banker in dieses Wespennest zu getrauen, braucht tatsächlich Mut. Mit ein bisschen differenzierter Betrachtung dieses Pfeilers spricht der Banker nicht nur für die eigene Branche, sondern auch für das Gros des Wirtschaftsmotors, nämlich die Schweizer Familienunternehmen und damit den darin angestellten Mittelstand. Alle Patrons machen sich darüber grosse Sorgen.

FREIHANDELSABKOMMEN Niemand bestreitet den Nutzen solcher Abkommen für unser isoliertes Alpenland. Über deren genaue Ausgestaltung soll man sich gut schweizerisch streiten – aber nicht bis es zu spät ist. Nichts spricht dagegen, die Politik ist sogar federführend.

TIEFE KOSTEN FÜR UNTERNEHMEN Diametrale Meinungen zwischen Unternehmern und Berufspolitikern liegen in der Natur dieser Sache. Der Aufschrei der Politik über diesen Wunsch ist nachvollziehbar, aber das Schweigen der Unternehmer dazu ist unverständlich.

Als eine Art Fundament der «Fünf-Pfeiler-Strategie» nimmt sich der Wirtschaftskapitän selber in die Bringschuld für die Verteidigung des Wirtschaftsstandortes Schweiz. Das ist doch eine positive Einsicht. Hat im Fünf-Punkte-Programm des Bankers etwas Wesentliches gefehlt? Sicher hätte man weitere fünf Aspekte gefunden, ebenso sicher hätte man die Ermotti-Wünsche auf drei Punkte verdichten können.

WAS IST LOS?

Wo sind die unterstützenden Stimmen geblieben? Ich hätte erwartet, dass die Diskussion über diesen Gastbeitrag einige Zeit gedauert und andere Wirtschaftskapitäne bewogen hätte, auch Stellung zu beziehen. Oder wurden die wenigen Stimmen vom Donner der politischen Gegner einfach überhört? Vielleicht war es einfach der Kapitän des falschen Tankers, der die Botschaft aussandte. Wollten sich die übrigen Wirtschaftskapitäne einfach nicht in den Schatten des Bankenimages stellen? Oder waren sie anderer Meinung? Oder sind sie einfach mit der Situation zufrieden? Kaum zu glauben. Dass dieser Bank-CEO die Botschaft verfasste, darf doch nicht Grund sein, deren Inhalt so unqualifiziert abzuschmettern. Im Gegenteil, die Politik sollte die Stimme der praktizierenden Wirtschaft einfordern.

OPTIONEN?
Die Schweiz ist bisher ein Erfolgsmodell, welches fast nur Gewinner hervorbrachte. Für Verlierer ist es auch komfortabler als in ärmeren Regionen. Dieses Erfolgsrezept gilt es zu schützen: Agilität, Verlässlichkeit, Qualität, Pragmatismus, Innovation, Einsatz, Sparsamkeit, Bescheidenheit, vielleicht auch etwas Frech- und Schlauheit, Macht der Leistung und nicht des Geldes, Rechtstaatlichkeit.
Wieder mehr Mut zur öffentlichen, meinungsbildenden Diskussion. Also konstruktive Konfliktfähigkeit, wo erst zugehört und überlegt wird, bevor man antwortet. Dazu braucht es Pole, Meinungsäusserungen aus Politik und Wirtschaft. Dass sich viele Unternehmer wegen des extremen Druckes aus der Politik zurückziehen und sich auf ihre Firma konzentrieren, ist nachvollziehbar. Aber Zeit sollte bleiben, um mehr authentische Voten aus der Praxis zu formulieren. Die Politik ist wichtig, die Wirtschaft ist wichtiger. Ohne die Wirtschaft bräuchte es nur noch die Arbeitslosenkasse. Im Moment steht es leider 0:1 – für die Politik.

AUTOR
Christoph Hilber ist Betriebswirtschafter und seit sieben Jahren Headhunter mit eigenen Firma: P-Connect Executive Search & Recruiting hat den Fokus auf Industrie (MEM), IT/Telekom und Positionen VR, GL und Spezialisten.