Einen Tag mehr pro Woche

VR-PRAXIS-Persönlich im Gespräch mit Frau Gina Domanig, Managing Partner Emerald Technology Ventures. Dass die Schweiz zwar viele Innovationen hervorbringt, aber davon nicht viele wirklich auf dem Markt bestehen, erleichtert das tägliche Geschäft von Gina Domanig nicht. Einige mögen sie vielleicht um die vielen Flugmeilen beneiden, aber manchmal wäre es doch schöner, mit dem Tram zu Terminen zu fahren, meint sie.

Gespräch mit ANNINA HALLER, CHRISTOPH HILBER

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Auch auf www.moneycab.com und www.unternehmerzeitung.ch veröffentlicht.

Gina Domanig hat 2000 Emerald Technology Ventures gegründet, die in Unternehmen in den Bereichen Energie, Wasser, Advanced Materials und industrieller IT investiert. Dank ihrer langjährigen beruflichen Erfahrung insbesondere mit Risikokapital ist sie z.B. im Verwaltungsrat der Schweizerischen Mobiliar Genossenschaft.

Als Frau zählen Sie zur Minderheit in den VRs. Glauben Sie, dass Frauen bei Entscheidungen anders denken?
Ja, sicherlich. Als ich jünger war, dacht ich noch «Nein, da gibt es doch keine Unterschiede! » Aber das stimmt einfach nicht. Die Interaktion ist anders. Männer sind mehr Konkurrenztiere und greifen untereinander auch eher an. Frauen suchen ein solches Verhalten weniger. Wir wollen eher, dass sich alle gleichberechtigt, gleich behandelt und wohl fühlen. Das macht uns vielleicht etwas naiv, weil wir nicht nach den gleichen Regeln spielen wie die Männer. Wir erreichen unsere Ziele auch, einfach anders. Das sind aber Generalisierungen.

Sollte man zwischen Frauen und Männern im VR eine Unterscheidung machen?
Man sollte das Können weder bei Frauen noch Männern auf ihr Geschlecht reduzieren, da sollten keine Unterschiede gemacht werden. Aber rein von der Dynamik her gibt es Unterschiede. Darum finde ich durchmischte Gremien besser. Das bringt viel bessere Diskussionen. Das betrifft aber auch andere Faktoren, beispielsweise eine Durchmischung des Alters.

Bei der Mobiliar sind 27 Personen im VR. Kommt man da überhaupt zu Wort?
Die Grösse ist bei der Mobiliar wichtig, denn das ist der VR von der Genossenschaft, in welchem möglichst viele Regionen, Kundensegmente und gleichzeitig strategische Themen vertreten sein sollten. Der Holding-VR besteht aus Mitgliedern der Genossenschaft, welcher vom Genossenschafts-VR überstimmt werden kann. Diversity ist wirklich ein grosser Faktor, wenn es um die Besetzung des VR bei der Mobiliar geht.

Gina Domanig

Haben Sie einen Fokus im VR der Mobiliar?
Meine Themen sind die Nachhaltigkeit und KMU, weil das in meinen Erfahrungsbereich fällt.

Sind Nachhaltigkeit und Venture Capital nicht ein Widerspruch?
Nein, aber es kommt natürlich darauf an, wie man Nachhaltigkeit definiert. Ich denke bei Nachhaltigkeit stark an Umwelttechnologien. Wir investieren in Nordamerika, Europa, Israel (und in der Schweiz) in Technologien in den Bereichen Energie, Wasser, Advanced Materials und Industrial-IT. Diese Themen interessieren mich und unser Strategie-Fokus liegt in dieser Art Nachhaltigkeit.

Nehmen wir das Beispiel Energie. Dort liegt das Interesse aber sicher eher in alternativen Energien?
Ja natürlich, es gibt wenig Venture Capital in Nuklearenergie (lacht). Es geht nicht nur um Windparks und Solarenergie, hinter Nachhaltigkeit steckt noch viel mehr. Nebst Stromerzeugungstechnologien gibt es auch im Bereich des Wasserkreislaufs einiges an neuen Technologien zu finden. Hinzu kommt die Verbesserung von industriellen Prozessen, die z.B. zu massiver Einsparung von Ressourcen und Senkung von Emissionen führen. Viele unserer Firmen konzentrieren sich sehr stark auf innovative Technologien.

Bei Innovationen herrscht ja doch auch ein gewisses Risiko. Wie hält man das in Grenzen?
Wir achten darauf, dass die Firmen, in die wir investieren, schon ein, zwei Kunden haben. In Firmen einzusteigen, die noch gar keine Kunden haben, ist ein grosses Risiko. Sehr selten machen wir das auch. Etwa ein Drittel unserer Investitionen funktionieren darum nicht optimal. Die Technologien funktionieren zwar, aber es rentiert nicht oder der Markt ist noch nicht bereit dafür. Das heisst nicht, dass das ganze Geld verloren geht, aber es ist kein Erfolg. Das ist nicht immer schön, aber wir versuchen dann zu retten, was zu retten ist.

«IM VERGLEICH ZU ANDEREN LÄNDERN GIBT ES LEIDER SEHR WENIG ERFAHRENE LEUTE IN DER SCHWEIZ, DIE DEN SCHRITT INS UNTERNEHMERTUM WAGEN.»

Bei allen Firmen, in die Sie investieren: Wie ist das Verhältnis von Schweizer zu ausländischen Firmen?
Insgesamt haben wir bisher in 53 Firmen investiert. Davon sind 50 Prozent in Nordamerika und 50 Prozent in Europa plus Israel. Zu unserem grossen Leidwesen kommt keine unserer Firmen aus der Schweiz.

Wieso keine aus der Schweiz?
Wir schauen uns etwa 1000 Unternehmen/ Businesspläne pro Jahr an, wovon etwa fünf Prozent aus der Schweiz stammen. Nur in drei bis fünf von diesen 1000 investieren wir. Darunter war bis jetzt noch kein einziges aus der Schweiz. Im Vergleich zu anderen Ländern gibt es leider sehr wenig erfahrene Leute in der Schweiz, die den Schritt ins Unternehmertum wagen. In Israel zum Beispiel ist das ganz anders: Dort will jeder eine Firma gründen. An den Universitäten haben wir hier zwar eine Menge junge Leute, die auch viele Innovationen hervorbringen. Nichts gegen junge Menschen, aber das Problem liegt am Markt: Niemand kauft eine Brennstoffzelle von einem 25-Jährigen! Ideal wäre ein gesunder Mix von Innovation und Markterfahrung.

Besteht denn kein Potenzial an Hochschulen wie der ETH?
Dort gibt es ja sehr viele Techniker und Materialwissenschaftler. Paart man diese mit einem Praktiker… Das wäre eben entscheidend! Aber viele Erfinder sind nicht bereit, jemanden auf CEO-Ebene beizuziehen, mit denen sie ihr Unternehmen teilen müssten. Stattdessen setzen sie gänzlich auf die Technologie, was sicherlich interessant ist. Aber die Erfahrung auf dem Markt – die ist fast wichtiger. In der Schweiz ist auch wenig Bereitschaft vorhanden, die eigene Firma zu verkaufen und sich wieder auf neues Terrain zu begeben. Es gibt hier keine «serial entrepreneurs». In anderen Ländern freut man sich, wenn sich jemand für die eigene Erfindung oder das eigene Unternehmen interessiert. Aber die Schweizer wollen ihren «Besitz» nicht loslassen, obwohl sie damit vielleicht viel Gewinn machen könnten.
Persönlich finde ich dies sehr schade, denn ich würde lieber mit dem Tram zu Geschäftsterminen fahren, als in derselben Woche beispielsweise nach Finnland, Tel Aviv und wieder zurück in die Schweiz fliegen zu müssen.

Ist Swissness auch ein Vorteil?
Für unsere Investoren – das sind vor allem Industriefirmen aus dem Ausland – tätigen wir langfristige Investitionen. Sie versprechen uns Gelder für zehn Jahre. Zuverlässigkeit, Glaubwürdigkeit, Struktur und Transparenz spielen eine grosse Rolle – und dies sind klar Attribute von Swissness. Alles hat Hand und Fuss.

Haben Sie ein Vorbild?
Jemanden, der Sie geprägt hat? Ich habe kein spezielles Vorbild. Es ist vielleicht vielmehr die Zeit bei Sulzer, die mich sehr geprägt hat: Ich durfte dort mit Menschen zusammen arbeiten, die extrem hohe ethische Werte pflegten. Sie waren für nichts bereit, ihre Werte aufzugeben oder dabei Kompromisse einzugehen. Dieses Wertesystem habe ich aus meiner Zeit bei Sulzer mitgenommen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie verändern wollen?
Ich hätte gerne einen Tag in der Woche mehr, den niemand sonst hat. Das würde mir bei meinen Pendenzen sehr helfen (lacht). Und dann hätte ich auch etwas Freizeit. Im Moment existiert die eigentlich nicht. Auch wenn ich in den Ferien bin, so richtig loslassen kann ich nicht. Wenn in einem der VR eine wichtige Entscheidung ansteht, existieren Ferien nicht. Aber meine Tätigkeit ist meine Leidenschaft. Trotzdem, gegen einen Tag mehr hätte ich nichts einzuwenden.

ZUR PERSON
Gina Domanig ist Managing Partner bei Emerald Technology Ventures. Im Jahr 2000 gründete sie mit Emerald den ersten unabhängigen Cleantech Venture Capital Fonds in Europa. Gina Domanig hat über 25 Jahre internationale Berufserfahrung in den Bereichen Bankwesen, Mergers & Acquisitions, Strategisches Management und Venture Capital. Zurzeit betreut sie neben ihren hauptberuflichen Tätigkeiten VR-Mandate bei Mobiliar, Pelamis, SDC Materials, GeoDigital und TaKaDu. Bevor Gina Domanig Emerald gründete, war sie als Vizepräsidentin bei Sulzer tätig und für strategische Planung, Fusionen und Übernahmen verantwortlich. Sie hat MBA Abschlüsse der Thunderbird School of Global Management in Arizona sowie der ESADE in Barcelona. Gina Domanig spricht fliessend Englisch, Deutsch und Spanisch.

Regulierung – mit Verstand

Bei Verwaltungsräten und CEOs kotierter Firmen kommt unisono der Wunsch nach weniger Regulierung.

VR-Praxis 03/2015; TEXT CHRISTOPH HILBER
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Auch auf www.unternehmerzeitung.ch veröffentlicht.

Die Geister der Corporate Governance, die zur Lösung von Problemen gerufen wurden, werden zur Qual. Man wird sie nicht mehr los. Viele weisse Schafe leiden für einzelne schwarze Schafe. Regulierungen gibt es viele, ob in der Corporate Governance für die generelle Unternehmensführung und Informationspflicht, für die Festlegung der Managerlöhne, für den Umgang mit Kunden, die im Moment bei den Banken per definitionem als Steuerbetrüger gelten, oder in der Produktedeklaration – Swissness lässt grüssen und Vieles mehr. Leider muss man akzeptieren, dass der Urknall jeder Regulierung und jedes Gesetzes ein wesentlicher Missbrauch ist. Der Handlungsspielraum wurde zwar meist «nur im gesetzlichen Rahmen» ausgeschöpft, während man Moral und Ethik durch das Gesetz definieren liess, statt durch gutbürgerlichen Menschenverstand – neuenglisch CSR Corporate Social Responsibility. Die Augen wurden vor offensichtlichem Steuerbetrug gesenkt. Findige Manager fanden Wege, sich gigantische Saläre auszahlen zu lassen. Aktionäre und Interessengruppen, wie z.B. die Arbeitnehmerschaft, standen mit stumpfen Messern vor gepanzerten Chefetagen, die gerademal machten, was ihnen passte. Kurz: Das Vertrauen legitimer Stakeholder wurde im Rahmen geltender Gesetze bis zu deren Aufstand missbraucht.

KONSEQUENZEN
Das Image der Führungselite, von der unsere Gesellschaft und unser Wohlstand abhängen, wird in corpore verunglimpft. Dabei sind es nur wenige Promille von Vertretern dieser Elite, welche für Missbrauch verantwortlich zeichnen. Bestraft werden aber alle. Die Folgen sind, dass Management-Kapazität für die Befriedigung der regulativen Vorgaben absorbiert wird. Statt im Markt, bei den Kunden, den Mitarbeitenden, bei der positiven Kreativität – kurz im Geschäft – zu wirken, werden generische Informationen generiert, welche die Herausforderungen eines Geschäfts nicht wirklich reflektieren. Und die schwarzen Schafe suchen derweil die nächsten Löcher im Gesetz und provozieren weitere Regulationen. In Show-Prozessen bietet man dem Unheil eine Bühne und vergisst dabei, das Gros der Wirtschaft für ihre Anstrengungen zu würdigen.

OPTIONEN?
Die Geister der aktuellen Regulierungen wird man wohl kaum mehr los, ausser man tritt einen politischen Gegen-Vorstoss an. Wer hat dafür Kapazität und Kraft? Die Wirtschaftsverbände?

DEKOTIEREN Nicht wenige VRPs und CEO wünschten sich eine Dekotierung. Doch wenn die Aktien einmal an der Börse sind und die Firma blüht, dann ist es eine teure Angelegenheit, alle Aktien zurückzukaufen. Wenn die Firma nicht blüht, will man wohl die Aktien selber auch nicht kaufen.

KOMMUNIKATION UND VERTRAUEN SCHAFFEN Aufwändig ist die Kommunikation mit Grossaktionären zwar, aber sie hat wenigstens den Effekt, dass im Normalfall grosses Vertrauen und Verständnis für die wirklichen Probleme des Unternehmens geschaffen werden. Nämlich genau das Vertrauen, welches einmal fehlte und die Regulierung auslöste.

TROST Es sind nur ganz wenige schwarze Schafe. Über 99 Prozent sind weiss und brauchen sich nicht betroffen zu fühlen. Die Papiertiger der Regulierungen müssen sie leider trotzdem füttern. Und teilweise machen Vorgaben z.B. zur Informationspflicht auch wirklich Sinn und schaffen Sicherheit und Berechenbarkeit für Management und Stakeholders.

GESUNDER MENSCHENVERSTAND Pragmatisch tun, was gefordert ist. Danach mit Kreativität und Energie auf allen Ebenen wieder auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren – und nicht auf die Optimierung der eigenen Tasche. Die Unternehmerkultur sollte wieder hin zur Philosophie des «alten Patron» entwickeln – dort wo sie nicht mehr Basis von Denken und Handeln ist. Gesunder Menschenverstand sollte auch bei den Regulierern einkehren: «Schwarze Schafe» lassen sich durch Regulierung nicht ausrotten, und nicht jeder Exzess ist eines neuen Gesetzes würdig, sondern vielleicht vielmehr publizistischer Verachtung und strafrechtlicher Verfolgung.

ABSURDITÄT Die Regulierer regulieren sich auch immer fleissiger. So wollen die GPKs von National- und Ständerat ein Gesetz erwirken, wonach der Bundesrat seine Sitzungen «angemessen» protokollieren soll. Dafür soll ein Protokollierungs-Team geschaffen werden. Ein Zeichen – aber leider in die falsche Richtung.

AUTOR
Christoph Hilber ist Betriebswirtschafter und seit sieben Jahren Headhunter mit eigenen Firma: P-Connect Executive Search & Recruiting hat den Fokus auf Industrie (MEM), IT/Telekom und Positionen VR, GL und Spezialisten.

Euro-Mindestkurs – was ändert nun?

Auswertung unserer Kurzumfrage bei Verwaltungsräten *).
 
Die Wirren als Folge der Aufhebung des Euro-Mindestkurses sind bekannt und hinlänglich befragt.
Wie aber werden Risiken aufgrund politischer oder makroökonomischer Veränderungen in Unternehmen jetzt und in Zukunft gehandhabt?

*) 90-Sek.-VR-Umfrage
Die 90-Sekunden-VR-Umfrage wird von P-Connect alle 1-2 Monate zu aktuellen Themen durchgeführt und ist Teil unserer Executive-Search Tätigkeit im Umfeld von Verwaltungsräten/ Geschäftsleitungen und unseres Interesses für Persönlichkeiten und deren Impact auf Unternehmen und Wirtschaft.

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Frage: Politische Entscheide (währungs-, finanz-, sozial-, wirtschafts-, aussenpolitische etc) verändern oft die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Wie fliessen solche Risikoeinschätzungen in Ihre strategische Planung ein?
Euro_Auswertung_01
Antwort 1: Wir identifizieren im VR systematisch für unser Unternehmen relevante, politische Themen und ziehen diese in unsere strategische Planung mit ein.
Antwort 2: Wir verfolgen relevante, politische Themen und sind so flexibel, adäquate Anpassungen sehr kurzfristig machen zu können.
Antwort 3: Die Politik ist so unberechenbar, dass wir uns konkret mit Entscheiden erst befassen, wenn deren Konsequenzen klar sind.

Frage: Planen Sie in Ihrem Unternehmen Änderungen im Umgang mit politischen Risiken?
Euro_Auswertung_02

Frage: War ein Währungsrisiko von 10-20% ein bewusstes Thema in Ihrem Unternehmen?
Euro_Auswertung_03
Nur 16% der Beantwortenden waren auf die entstandenen Währungsausschläge vorbereitet, bei 22% war dies nie ein Thema.

Frage: Wurden Sie von Finanz- oder Unternehmensberatern vor einem möglichen Währungs-GAU gewarnt?
Euro_Auswertung_04
Nur 28% der Berater haben zur Vorsicht gemahnt, 72% haben die Aufhebung des Mindestkurses auch nicht erwartet.
Es darf angenommen werden, dass Firmen, welche von Beratern sensibilisiert wurden, auch Massnahmen vorbereitet haben (siehe Grafik 3).

Frage: Aus welcher Optik haben Sie die Fragen beantwortet?
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